Auf der Website des Zürcher Künstlers Andy Denzler sieht man kleine Bilder, die an flimmernde Filmstills erinnern und zwischen Stop und Motion Portraits, Menschen in Bewegung und Figuren in der Natur erkennen lassen. Doch erst, wenn man seine Bilder im Original sieht, lassen sich das Ausmass und die Wirkung seiner Kunst erfassen.
Text und Interview: Florence Ritter

Diese Bilder sind viel zu gross, um in unser Magazin zu passen, ist mein erster Gedanke, als ich Denzlers grossräumiges Fabrikatelier betrete. Seine Kunst wirkt auf den 1x1m bis 2x3?m grossen Leinwänden ganz anders als in Internetauflösung. Auch in Grossformat bleibt die Assoziation mit dem Film, dem bewegten Bild, bestehen. Nähert man sich den Bildern jedoch, zerfallen sie in abstrakte Teile, denen man keinen Inhalt mehr zuordnen kann. Letzteres ist nicht verwunderlich, denn Denzler kommt aus dem Abstrakten. Nachdem er seine ‹Verwischungstechnik› jahrelang auf gegenstandslose Farbfeldern anwandte, entwickelte er diese weiter, sodass er auch gegenständliche Inhalte verstreichen konnte. Denzler spricht von seiner Maltechnik, als wäre sie sein wohlgehütetes Geheimnis: der Schlüssel seiner Kunst. Denn erst die waagrechte Bewegung der Farbe erweckt das Bild und dessen Inhalt zum Leben.

Klassisches Handwerk
Andy Denzler malt mit Ölfarbe. Während das klassische Medium auf der Website wenig erkenntlich ist, erscheint es in Natura in seiner vollen Pracht. Steht man in Denzlers Atelier, so eröffnen einem die Bilder schrittweise etwas über ihren Entstehungsprozess und die angewandte Technik. Während viele Bilder ganz von der horizontalen Verwischung durchzogen sind, sind auf einigen schmale Abstände ausgelassen. Daraus blickt die rohe, dick aufgetragene Farbmasse hervor. ‹Die verschiedenen Texturen sind gut sichtbar, mit etwas Distanz gibt es eine Verdichtung der Oberflächensinnlichkeit, dieser Aspekt interessiert mich sehr›, meint Denzler. Ein vorgemaltes Bild, das statische Personen zeigt, wartet auf seine ‹bewegende› Fertigstellung und gibt die Grundlage aller Kunstwerke Denzlers preis. Denzler arbeitet in Schichten, die letzte Schicht Ölfarbe verzieht er mit dem Spachtel. Er muss nass in nass arbeiten, der Zeit- und Materialaufwand ist enorm: ‹Es ist immer ein Adrenalinkick, weil sich sicher mehrere Kilo Ölfarbe auf dem Bild befinden. Es ist heikel, weil es wertvolles Material ist, das danach verloren geht›, meint er. Während diesen letzten, entscheidenden und unkorrigierbaren Handgriffen entwickelt jedes Bild ein Eigenleben, gewinnt an Bewegung, Schnelligkeit und irritierender Unschärfe. Fertiggestellt wirkt es, wie wenn man einen Blick aus dem fahrenden Zug wirft, wie eine Bildstörung auf dem Fernseher oder wie wenn man einen Film vorspult oder flimmernd anhält. Besonders die Schwarz-Weiss-Bilder wissen vom Medium der Malerei abzulenken, gesteht auch der Künstler ein: ‹Es hat etwas von diesen 60er-TV-Interferenzen. Wenn man die Monitore von alten Schwarz-Weiss-Fernsehern betrachtet, haben die so ein Rauschen und diese Verzerrung. Ich bin mit dem Schwarz-Weiss-Fernsehen in den 60er-Jahren aufgewachsen, das hat mich geprägt.› Doch die Form bleibt in Denzlers Schaffen nicht der einzige Berührungspunkt zu den digitalen Medien.

Medienzeitalter
Inhaltlich glaubt man Pressefotos, bekannte Persönlichkeiten, Politiker oder Stimmungsbilder in der Natur zu erkennen. Zur Beziehung der Malerei zum digitalen Umfeld meint Denzler: ‹Ich arbeite mit einem sehr klassischen Medium, Öl auf Leinwand, von dem her fühle ich mich zu den alten Meistern hingezogen und schätze ihre Arbeiten sehr. Nichtsdestotrotz setze ich auch digitale Mittel ein. Die neuen Medien beeinflussen mich sehr, seien es Computeranimationen, Videos, Internet oder Fotografie. Diese Informationen fliessen alle in meine Arbeiten ein.› Videos, Pressefotos und eigene Fotografie verwendet er als Vorlage, oft überarbeitet er sie aber erst noch mit Hilfe von Photoshop und komponiert sie nach seiner Vorstellung. Andy Denzler arbeitet konzeptionell. Bilder werden fast nur im Kontext eines Themas oder einer Ausstellung geschaffen. Die Werkgruppen sind inhaltlich, farblich oder auch technisch vereint und reflektieren meistens seine Überlegung. Jedoch funktionieren die Bilder auch einzeln. Denzler sagt: ‹Ich behandle eigentlich tagtägliche Thematiken, die einen beschäftigen, die in den Medien waren.› So findet man eine Schwarz-Weiss-Portraitserie ‹Distorted Faces›, die farbigen ‹In to the Black Woods›-Bilder, universelle ‹Urban Figures› oder ‹American Paintings›. Letztere besetzte er mit der Bush Administration und patriotischen, amerikanischen Symbolen und zeigte sie 2005 in einer kritischen Ausstellung in New York.

Vergänglichkeit des Moments
Sein konstantes Spiel mit Inhalt, Form und Medium bringt jedoch eine andere Serie auf den Punkt. Von Andy Warhols Screentests inspiriert, malte er die Protagonisten der Factory mit seiner stilistischen Verschiebung. Während Warhol die Personen auf Film wie Bilder erscheinen lassen wollte, versuchte Denzler Nico, Edie, Dennis Hopper und Co. auf der Leinwand bewegt aussehen zu lassen.
Das Spannende an Denzlers Bildern scheint der dargestellte Widerspruch zu sein, das Einfangen eines bewegten Moments in ein Bild, in welchem die Bewegung noch spürbar ist. Deshalb haftet allen Werken auch eine gewisse Vergänglichkeit und Schnelligkeit an, die auch den Entstehungsprozess begeleitet: ‹Zeit und Geschwindigkeit, fliessen in meine Bilder ein. Ich kämpfe immer gegen die Zeit, das ist ein wichtiges Kriterium in der Malerei. Besonders bei dieser Technik, da ich nass in nass arbeite. So wird inhaltlich die Vergänglichkeit, aber auch die Verletzlichkeit der Menschen durch dieses Aufgebrochene, Fragmentierte dargestellt.› Die bisweilen kritischen und Fragen aufwerfenden Inhalte, welche die Serien als Ganzes in sich tragen, runden den Effekt und die Fragilität der Kunst von Andy Denzler ab.